Powerline - Rückzug (fast) auf ganzer Linie
Datenübertragung über das Stromnetz galt noch vor wenigen Jahren als aussichtsreiche Technologie. Ein Highspeed-Internetanschluss für jeden Haushalt über die bestehende Infrastruktur - das war das Ziel, mit dem man dem Telefonnetz Konkurrenz machen wollte. Nur: Daraus wurde wenig...
Powerline als Ersatz für die "letzte Meile?"
Es ist noch gar nicht so lange her - drei bis vier Jahre vielleicht -, da überschlugen sich die Ankündigungen verschiedener Energieversorger, bald nicht nur Strom, sondern auch einen Internetzugang über die herkömmliche Stromleitung anbieten zu können. Datenempfang und -versand über Stromkabel, Highspeed-Internet in allen Gebieten Deutschlands - "Powerline", zeitweilig auch "Powerline Communications" (PLC) genannt, sollte neue technische Standards setzen.
RWE, E.ON, die Berliner Bewag und andere Stromversorger waren mit dabei und wollten der Technik zum Durchbruch verhelfen. Das Prinzip ist einfach, denken Sie nur mal an das Babyphon: Hier eine Steckdose, dort eine Steckdose, die passenden Geräte - schon können Eltern Geräusche aus dem Kinderzimmer hören. Warum also nicht auch über die Stromleitung Telefonieren, Faxen oder Surfen? Kurzum: "Powerline" schien eine echte alternative zu einem DSL- oder WLAN-Anschluss zu werden. Selbst der Dauerstreitpunkt "letzte Meile" schien sich in Wohlgefallen aufzulösen - wer einen Internetzugang bis an den Hausanschluss des Endkunden legen wollte, sah sich nicht länger mit dem Monopol der Netzbetreiber vor Ort konfrontiert, etwa mit der Deutschen Telekom AG.
Heute ist es still geworden um die Powerline-Technologie - da stellt sich zu Recht die Frage, was aus Ihr geworden ist. Um es kurz zu machen: Leider weniger, als man seinerzeit hat vermuten dürfen. Viele Energieversorger haben ihre "Powerline"-Projekte verworfen oder zumindest für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.
Zur Technik: So funktioniert Powerline
Bei der Powerline-Technologie fließen die Daten nicht durch das gesamte Stromnetz, wie gelegentlich angenommen wird. Vielmehr wird lediglich die "letzte Meile" zum Verbraucher über das Stromkabel zurückgelegt. Die Daten, die man aus dem Internet abruft, gelangen über das Datennetz (Telefonleitung) zum Ortsnetztransformator des Stromversorgers. Von dort aus geht's über das 230/240 Volt starke Niederspannungsortsnetz weiter in die angeschlossenen Haushalte.
Jeder angeschlossene Haushalt muss über ein spezielles PLC-Modem verfügen, also über ein Gerät, mittels dem die aus der Steckdose abgerufenen Daten demoduliert werden können. Umgekehrt werden Daten, die der User sendet (Seitenanfragen, Uploads etc.), in der Trafostation so moduliert, dass sie von dort zur nächsten Vermittlungsstelle der Telefongesellschaft gesendet werden können.
Im einen Fall geht's also aus dem Datennetz heraus über die Stromleitung auf den heimischen Rechner, im anderen Fall hingegen geht's vom PC aus über die Stromleitung ins Datennetz.
Von der Trafostation gehen dabei mehrere Stränge ab - in der Regel drei bis sechs Leitungen -, die jeweils mehrere Kunden versorgen. Eine Trafostation kann so einige Hundert Haushalte versorgen. Theoretisch ermöglicht Powerline Geschwindigkeiten von bis zu 2 Mbit/s - da allerdings das Powerline-Netz von mehreren Nutzern in Anspruch genommen wird, liegt die tatsächliche Geschwindigkeit unter diesem Idealwert.
Keine echte Konkurrenz
Aber grau ist alle Theorie. Denn die Vorstellung, mit Powerline zu einer echten Konkurrenz des Telefonkabels avancieren zu können, ist ausgeträumt - momentan zumindest. Ja, regelrecht kleinlaut sind die Aussagen auf manchen Internetseiten geworden; man führt immer wieder zu hohe Grenzwerte für elektromagnetische Strahlungen, Angst vor Elektrosmog in der Bevölkerung oder die beabsichtigte Sperrung einiger Sonderfrequenzen als Gründe dafür an, warum dies oder das nicht möglich sei.
Unter der "First-Class-Adresse" Powerline.de etwa, wo die RWE Powerline GmbH ehedem ihren Internetzugang über die Steckdose vorstellte, findet man keinerlei Informationen mehr - die Zeiten großer Versprechen und schön aufgemachter Broschüren sind auch dort passé. Die Seite leitet jetzt schlichtweg auf die Startseite von RWE um - und auch auf deren Website findet man kaum noch Informationen zu Powerline bzw. Internet aus der Steckdose. Alles in allem wenig zufriedenstellend.
Rückzug auf ganzer Linie?
Exemplarischer Rückblick: In einem Pilotprojekt hatte die heutige E.ON-Tochter Avacon AG (Helmstedt) im September des Jahres 2000 eine von der Oneline AG entwickelte Powerline-Technologie erprobt. Die Oneline AG gibt es heute nicht mehr, im Dezember des Jahres 2001 wurde das Projekt schon wieder aufgegeben. Begründung: Die von Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in der Nutzungsbestimmung 30 (NB 30) vorgegebenen Grenzwerte seien so niedrig, dass eine marktreife Powerline-Lösung noch zwei weitere Jahre Entwicklungszeit erfordert hätte.
Kernproblem ist dabei folgendes: Nutzt man das Stromnetz auch zur Datenübertragung per Powerline, dann strahlen die nicht abgeschirmten Stromkabel störende elektromagnetische Wellen aus. Diese Störstrahlung - vom Prinzip her vergleichbar mit Elektrosmog - wird zum gravierenden Problem, weil sie beispielsweise den Radioempfang oder sogar der Betrieb von Notruffrequenzen beeinträchtigen kann. Man kommt sich in die Quere. Kein Wunder also, dass sehr enge Vorgaben in diesem Bereich herrschen. Der Deutscher-Amateur-und-Radio-Club (DARC) ist deshalb ausgewiesener Kritiker der Powerline-Technologie.
Fakt ist vor diesem Hintergrund, dass erheblich mehr Aufwand nötig wäre, um Powerline störungsfrei bis ins Haus zu bekommen.
Erfolgreiche Powerline-Projekte gibt es dennoch - und zwar in Mannheim (www.vype.de), Dresden (www.powerkom-dd.de), Hameln (www.piper-net.de) sowie im österreichischen Linz (www.speed-web.at).
Darüber hinaus sind Energieversorger wie die EDF in Frankreich, ENEL in Italien oder mehrere große spanische Energieunternehmen nach wie vor sehr aktiv in Sachen Powerline. Last but not least hat die Europäische Union Anfang 2004 ein Förderprojekt aufgelegt, dass über vier Jahre angelegt ist und die Entwicklung von Powerline unterstützen soll. Ziel der Förderung ist es insbesondere, den Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Breitbandtechnologien zu fördern. Nähere Informationen dazu gibt's unter www.ist-opera.org (englischsprachige Website).
Was wäre wenn?
Mal weitergedacht: Was wäre, wenn die gesetzlichen Bestimmungen so wären beziehungsweise sich so ändern würden, dass Powerline tatsächlich flächendeckend und ohne Einschränkungen möglich wäre?
Hier ist zu erwähnen, dass Powerline ein "shared" Medium ist, d.h. man teilt sich die zur Verfügung stehende Bandbreite (ca. zwei Mbit je Verteilerstation) mit allen Teilnehmern, die an einer Trafostation hängen (ca. 15 bis 30 Haushalte). Die Powerline Technologie verfügt über keine dedizierte Leitung zu einem Gateway oder Server, wie es beispielsweise bei der Konkurrenztechnologie ADSL der Fall ist. Bei ADSL wird jede Zweidrahtleitung mit nur einem Teilnehmer verbunden - so ist sichergestellt, dass außerhalb von Internet-Einflüssen der Kunde immer seine Bandbreite erhält und diese nicht von seinem Nachbarn mitbeansprucht wird.
Ein weiterer Aspekt sind die hohen Investitionskosten für den Powerline-Provider. Die Kabeltrassen liegen zwar schon, jedoch muss jede Trafostation umfangreich mit dem Internetbackbone und jeweils untereinander mit Glasfasertrassen verbunden werden.
Dieses hohe Investitionsvolumen ist zweifelsohne kontraproduktiv - zumal in Zeiten ökonomischer Rezession bzw. Stagnation. Ebenso ganz zu schweigen von der starken Konkurrenz ADSL, mit der bereits Millionen Teilnehmer ins Netz gehen.
Fazit: Es bleibt weiterhin düster im Marktsegment "Powerline" - und wird es wohl auch auf ewig bleiben. Aber es gibt ja noch HomePlug!
Und es geht doch: Inhouse-Powerline
Und doch hat sich der Powerline-Gedanke zumindest ein wenig durchsetzen können - und zwar bei der Vernetzung von Geräten in einem Wohnhaus bzw. in einer Wohnung. Hierbei spricht man von "Inhouse-Powerline" beziehungsweise "HomePlug"-Geräten.
Das Aachener Unternehmen devolo etwa bietet HomePlug-Geräte der Marke "MicroLink dLAN" an und zeigt, wie das Powerline-Prinzip sinnvoll und problemlos eingesetzt werden kann. Bei diesem Inhouse-Powerline handelt es sicht nicht (!) um einen Internetzugang, sondern um eine hausinterne Netzwerklösung, die das vorhandene Stromnetz zum Netzwerk (LAN) "umbaut". Kurzum: Man denkt hierbei kleiner und hat wesentlich weniger Probleme, was die Umsetzbarkeit angeht.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Man kann ein Wohnhaus oder eine Mietwohnung vernetzen, ohne Kabel verlegen zu müssen. devolo bietet solche HomePlug-Lösungen für die Vernetzung von Computern und neuerdings auch für die Hifi-Vernetzung (PC, Hifi-Anlage, Aktivlautsprecher) an.
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